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NZ, 19.11.2005
Nahe Zeitung, 19.11.2005
Mit Platzeck in der Pizzeria
NZ-Mitarbeiterin Jana Lambur blickte beim SPD-Bundesparteitag in Karlsruhe hinter die Kulissen des Polit-Betriebs
Wie läuft eigentlich ein Bundesparteitag ab? Was dort im Hintergrund des Polit-Zirkus, weg vom Blickwinkel der Kameras passiert, bleibt meist im Verborgenen. NZ-Mitarbeiterin Jana Lambur schildert als Teilnehmerin der Presselounge des Bundesverbands der Jugendpresse Deutschland ihre Erlebnisse beim richtungsweisenden SPD-Bundesparteitag in dieser Woche in Karlsruhe.
KARLSRUHE/BAUMHOLDER. "Politik-Orange" heißt die Zeitung, die wir, die rund 40 Teilnehmer der Jugendpresselounge, innerhalb von drei Tagen konzipieren sollen. Jungredakteure und Fotografen aus dem gesamten Bundesgebiet treffen sich vier Tage lang in Karlsruhe, um ihre journalistischen Fähigkeiten zu schärfen. Die Zeitung "Politik-Orange" erscheint auch bei CDU-Parteitagen oder anderen politischen Veranstaltungen. Immer sind die Nachwuchsjournalisten im Alter zwischen 15 und 26 Jahren dabei. Der SPD-Parteitag ist für mich die Feuertaufe.
Die Veranstaltung auf dem Messegelände übersteigt meine Erwartungen, riesig ist das Areal, wo sich die Delegierten aus ganz Deutschland die Klinke in die Hand geben. Überall sind Sicherheitsleute zu sehen, die morgendliche Durchsuchung nach verdächtigen Gegenständen dauert immer einige Minuten. Dank meines Presseausweises habe ich die Möglichkeit, im Plenum bis in den vordersten Bereich, den so genannten "Fotografengraben", zu kommen.
Ganz nah bei "Gerd"...
Vorbei an den Gastzuhörern, den Fernsehstationen, den Zeitungsredakteuren, dem Parteirat, dem auch Landrat Axel Redmer angehört, den Abgeordneten, den internationalen Delegationen und den Delegierten darf ich ganz nah ran an die Bühne der sozialdemokratischen Macht, von wo aus Gerhard Schröder und die anderen SPD-Spitzenpolitiker nur wenige Meter entfernt sind.
Ein irres Gefühl - jeder aus dem Redaktionsteam kennt diese prominenten Gesichter nur aus dem Fernsehen. Die Reden von Franz Müntefering und Gerhard Schröder, der sich fast 13 Minuten feiern lässt, sind die Höhepunkte an diesem Tag. "Gerd", wie ihn jeder Genosse nennen darf, hat die 515 Delegierten im Griff, auch wenn ihn die eigene Partei zuletzt in die Knie gezwungen hat. In diesen Minuten ist alles vergessen. Der Rest des Tages bleibt unspektakulär, nach zahlreichen Rechenschaftsberichten langweilt sich auch der letzte Vollblutpolitiker. Die politische Musik spielt denn nicht hier, sondern in der Presselounge. Dort treffen sich nur die hochkarätigen Politiker zu einem kleinen Schwätzchen untereinander oder zu Hintergrund-Gesprächen mit Journalisten. Hier entstehen die großen Geschichten für die überregionalen Medien.
Wie eine Klassenfahrt
"Ein Parteitag ist für uns alle wie eine große Klassenfahrt", erzählt mir eine NDR-Hörfunkmitarbeiterin. Beim späteren Parteiabend geht es in diesem Sinne in guter Stimmung weiter. Die Genossen, ob von Bundes-, Landes- oder Kommunalebene, tanzen und lachen viel. Der Bundestagsabgeordnete Fritz Rudolf Körper hat Geburtstag, gemütlich sitzen die Sozialdemokraten zusammen und lassen den Tag Revue passieren.
Am nächsten Tag steht wieder politische Arbeit auf dem Plan. Es erscheint mir fast unglaublich, dass Politiker trotz weniger Stunden Schlaf nur so vor Energie strotzen. Matthias Platzeck begeistert mit einer emotionalen Rede, später wird er mit einem überragenden Ergebnis zum neuen SPD-Bundesvorsitzenden gewählt. Bei seiner bodenständigen Herzlichkeit wird auch neutralen Beobachtern klar, dass er einen anderen Politiker-Typus jenseits von "Showmaker" Schröder und dem eher spröden Müntefering verkörpert.
Am Abend gehe ich mit Birkenfelder SPD-Mitgliedern in eine Pizzeria in einer Seitengasse zum Essen. Plötzlich kommen der neue SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und Matthias Platzeck herein - Gratulationen, Händeschütteln. Platzeck bleibt und plaudert mit uns - einen solchen Politiker werde ich wohl nur einmal so zu Gesicht bekommen, denke ich mir.
Der letzte Tag in Karlsruhe ist von Aufbruchstimmung geprägt. Ein letztes Mal sausen die SPD-Vorstandsmitglieder durch die Wilhelm-Dröscher-Ausstellung, ehe der große Pulk mit den rund 1700 Journalisten wieder in Richtung Berlin abzieht.
Übrigens: Auf dem Parteitag erntet die mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren gedruckte und auch an Schulen verteilte "Politik-Orange" viel Lob. Jana Lambur
Unerwartete Begegnung für NZ-Mitarbeiterin Jana Lambur und den Juso-Kreisvorsitzenden Holger Noß: Sie trafen den auf dem Bundesparteitag zum neuen SPD-Chef gewählten Matthias Platzeck (links) in einer kleinen Pizzeria in Karlsruhe.

