Sie sind hier: Startseite > Aktuelles > Presse > 2003
NZ 23.04.2003
Nahe-Zeitung, 23.04.2003
Zwei Stunden herrschte atemlose Stille
Jungsozialisten aus dem Kreis suchten das Gespräch mit Überlebendem des KZ Auschwitz
IDAR-OBERSTEIN. Zu einer Begegnung mit Martin Schmitz, einem Überlebenden des KZ Auschwitz, hatte der Juso-Kreisverband nach Idar-Oberstein eingeladen. Auf Initiative von Vorstandsmitglied Sandra Reichert war die Veranstaltung zustande gekommen. Schmitz, der bereits zu Beginn dieses Jahres das Gymnasium in Birkenfeld besuchte, hatte die Einladung sofort angenommen.
Mehr als zwei Stunden herrschte absolute Ruhe im Raum. Beeindruckt hörten die zumeist jugendlichen Besucher den Lebensbericht des 81-Jährigen. Erst seit kurzer Zeit spricht Schmitz zumeist vor einem jüngeren Publikum über seine Erlebnisse. Er will den jungen Menschen verdeutlichen, was tatsächlich während der Zeit des Nationalsozialismus passiert ist. Ihn ärgert, dass viele immer noch Auschwitz und die Verbrechen der Nazis leugnen. Während der Familie in der Heimatstadt Traben-Trabach noch kein Antisemitismus entgegenschlug, sammelte Martin Schmitz bereits in der Schulzeit erste negative Eindrücke. Ein Lehrer in Uniform schikanierte ihn systematisch. Die "Arisierung" zwang die angesehene Familie, ihr Geschäft zu schließen und nach Köln zu ziehen, wo Schmitz gemeinsam mit seinem Vater bald als Zwangsarbeiter Gleise baute. Dass ihm die dabei erlernten Fähigkeiten wenig später wahrscheinlich das Leben retteten, konnte Schmitz zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.
Eltern sah er nie wieder
1941 wird die Familie nach Auschwitz deportiert. Direkt bei der Ankunft wird Martin Schmitz von seinen Eltern getrennt. Er wird sie nie wieder sehen. Im Konzentrationslager muss er bei Bauarbeiten für Nebenlager anpacken. Anfang 1945 führt ihn ein Todesmarsch nach Bergen-Belsen. Bei der Befreiung durch englische Truppen wiegt er nur noch 25 Kilo, sein Gesundheitszustand ist äußerst kritisch. In einem Speziallazarett erholt er sich langsam.
Nach dem Krieg arbeitet Schmitz bis zu seiner Pensionierung bei der Kreisverwaltung in Bernkastel-Kues. Juso-Kreisvorsitzender Holger Noß dankte ihm: "Da ist nicht der erhobene Zeigefinger, der moralisiert. In den Ausführungen ist immer von der Schuld Einzelner die Rede." Und genau hier setzt auch neben der Information der jungen Generation das Ziel von Schmitz an: "Die Aufforderung an die Schuldigen, auch die Verantwortung ihrer Verbrechen zu übernehmen", so Noß. Bemerkenswert sei der Optimismus von Martin Schmitz, so der Organisations- und Planungsreferent der Jusos, Christopher Wahl. Trotz der schlimmen Erlebnisse könne man in den Berichten stets die positive Lebenseinstellung des Moselaners spüren.
Wahl verwies am Ende der Veranstaltung auf die in den nächsten Wochen stattfindenden Veranstaltungen zu den Themen Europa, SPD- Geschichte und Medien. Besonders machte er auf die am 29. Mai stattfindende Zeitzeugenfahrt nach Bonn aufmerksam, die auch ein Treffen mit dem ehemaligen Bundesminister Prof. Dr. Horst Ehmke beinhalten wird.
Zeitzeuge Martin Schmitz im Gespräch mit den Jusos aus dem Kreisverband Birkenfeld.

