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BA 15.01.1997
Birkenfelder Anzeiger 15.01.1997
Ludwig Harig beeindruckte seine Zuhörer
Trotz schlechtem Wetter konnten Schirmherr Landrat Wolfgang Hey und Juso-Vorsitzender Holger Noß über 50 interessierte Besucher, darunter den Landtagsabgeordneten Axel Redmer, begrüßen", die der Einladung zur Autorenlesung mit Ludwig Harig gefolgt waren. Der renovierte Sitzungssaal des Birkenfelder Schlosses stellte für den saarländischen Sprachkünstler Harig das passende Ambiente dar, um sein autobiographisches Werk Weh dem, der aus der Reihe tanzt auszugsweise vorzustellen.
Ohne zu beschönigen, und zu verharmlosen, aber auch ohne sein eigenes Verhalten zu rechtfertigen, stellte der Sulzbacher Literat seine Kindheit und Jugend wortmächtig dar.
Nicht Harig, der Ich-Erzähler des Romans, tanzt aus der Reihe. Das Weh seines Buchtitels trifft einen anderen: seinen Mitschüler René.
Rene, ein schwächlicher Schüler und im Sprachgebrauch der Zeit ein Nichtsnutz, wird von den Klassenkameraden ausgegrenzt und edelmütigt, da er so heißt es, Halbfranzose sei. Auch durch seine unter Kleidung unterscheidet er sich von den Altersgenossen. Rene wird zum Opfer derer, die in fest geschlossenen Reihen marschieren und zu denen auch Harig selbst gehört. Im Laufe seines Lebens begegnen Harig_v~eftereRends. Nach seiner Volksschulzeit wechselt Harig 14 Jahre alt, in die NS-Lehrerbildungsanstalt Schloss Idstein, wo er den letzten geistigen und körperlichen Schliff erhalten soll. Unweit vom Schloss befindet sich die Nervenheilanstalt Kalmenhof, in welcher täglich fensterlose Busse eintreffen, denen graugekleidete kranke Menschen entsteigen. Für den jungen Harig ein rätselhaftes Institut, du schlimmste Vermutungen aufkommen lässt. Was mit den an- und abtransportierten passiert, ahnen die Lehreranwärter längst: Kalmenhof ist Zwischenstation auf dem Weg in das Mordlager Hadamar.
im Anschluss an Harigs beeindruckende Lesung, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen dem Autor und seinen Zuhörern. Vor allem ältere Besucher brachten hierbei ihre eigenen Jugenderfahrungen im 111. Reich ein und komplettierten somit für die jüngeren das Bild der damaligen Zeit. Harig äußerte, dass er selten eine derart lange und kompetente Diskussion im Anschluss an eine Lesung erlebt habe.
Die gelungene Veranstaltung wird für die Jungsozialisten hoffentlich Anlass für weitere kulturelle Aktivitäten sein.

